Psychologische Perspektive: Corona

Ich habe länger überlegt, ob ich diesen Artikel zum Coronavirus schreiben soll, da wir eigentlich einen reinen Reiseblog beitreiben möchten und ich meinen beruflichen Hintergrund bisher ausgeklammert habe. Aber da uns die Thematik alle betrifft und natürlich auch das Thema Reisen beeinträchtigt, sind sachliche Informationen umso wichtiger.

Gerade herrscht eine Zeit, in der viele den Umgang miteinander und auch die Ungewissheit bezüglich des Coronavirus nicht einschätzen können und sich sehr unsicher fühlen – wie verhält man sich richtig? Ist die Angst vor dem Virus berechtigt? Was kann ich persönlich tun, um mich und andere nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu schützen? Hier findest du unser FAQ rund um das Thema Corona aus psychologischer Perspektive.

1. Wieso fühlen wir uns so unsicher & ängstlich in Bezug auf das Virus?

Das Gefühl der Bedrohung wird im Fall des Coronavirus durch mehrere Faktoren beeinflusst. Viele Studien zeigen, dass nicht-beobachtbare Risiken das Gefühl der Bedrohung  verstärken (z.B. Carleton, 2016; Gorka et al., 2016; Williams et al., 2015) . Wenn das Risiko zusätzlich neu und die möglichen Folgen demnach gänzlich unbekannt sind, wird eine sehr viel stärkere Reaktion ausgelöst als bei bereits bekannten Risiken, wie z.B. der Grippe. Die Erkrankung ist seit Jahren bekannt, die Ausbreitung und Konsequenzen abschätzbar – auch wenn jährlich sehr viele Menschen daran sterben, weiß man, dass sie saisonal auftritt und mit dem Frühlingsanfang abklingt. Diese Gewissheit und Folgeabschätzung hat man aktuell beim Coronavirus noch nicht.

Bei mutmaßlichen, existentiellen Bedrohungen wird das limbische System, man könnte es auch das körpereigene Angstsystem nennen, in unserem Gehirn getriggert. Die Amygdala schätzt die Gefahr ein und steuert u.a. durch die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter und Stresshormone die Verarbeitung der Angstreaktion. Der Thalamus schickt ein schnelles Signal an die Amygdala zur unmittelbaren Reaktion: wir weichen bei akuter Gefahr (z.B. einer Schlange) instinktiv zurück, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken.

Gleichzeitig wird die Angst über den Neocortex und Hippocampus etwas „langsamer“ verarbeitet, man könnte sagen, es findet eine Risikoeinschätzung statt und die Situation wird uns bewusst zugänglich. Diese etwas langsamere, parallele Angstverarbeitung erklärt auch, warum man sich z.B. erschreckt, wenn plötzlich eine Spinne vor uns sitzt – ein paar Sekunden später wissen wir aber auch, dass die Spinne uns vermutlich nicht töten wird – die Adrenalin-, Cortisol und Noradrenalinausschüttung wird vereinfacht gesagt wieder runterreguliert. Es sei denn, man hat eine Phobie (so wie wir beide) – dann dauert das Ganze etwas länger.

Die Angst vor dem Coronavirus ist also nicht nur persönlichkeitsabhängig, sondern hat auch sehr viel mit der subjektiven Einschätzung der wahrgenommenen Bedrohung sowie der körpereigenen Stresshormonregulierung zu tun. Dies erklärt auch, warum bei manchen Personen Überreaktionen entstehen, die beispielsweise zu Hamsterkäufen führen oder warum andere Personen eine Angststörung ausbilden.

2. Wieso bringt Corona so viele Verschwörungstheoretiker*innen hervor?

„Hallo ich bin Jana aus Kassel und ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin…“. Während sich Millionen Menschen seit Monaten aus Prosozialität und einem gesellschaftlichen Gewissen sozial isolieren sowie Abstands- und Hygieneregeln einhalten, behaupten andere, dass es das Virus gar nicht gebe oder 5G, die Chinesen oder Angela Merkel daran Schuld seien. Oder vergleichen sich unglücklicherweise mit Sophie Scholl. Und dann gibt es da ja auch noch den Wendler und Telegramm. Das ignorieren wir aber bitte einmal. 

Schwierig wird es vor allem dann, wenn Freund*innen und Verwandte plötzlich verschwörungstheoretische Phrasen verlauten lassen. Was tut man, wenn Personen im nahen Umfeld plötzlich Verschwörungstheorien äußern und was steckt dahinter?

Aus sozialpsychologischer Perspektive haben die oft hetzerisch anmutenden Theorien tatsächlich eine Funktion inne: Im Zeitalter der Individualisierung und Säkularisierung erzeugen sie ein Gemeinschaftsgefühl und geben dem Einzelnen Halt in der empfundenen Unsicherheit. Eine gesellschaftliche „Krise“ wie das Coronavirus löst auf Individualebene das Erleben von Kontrollverlust aus  – Verschwörungstheorien können die empfundene Hilflosigkeit kompensieren.

Personen, die empfänglich für derartige Theorien sind, glauben, dass so ein großes Ereignis wie die globale Corona-Pandemie auch eine „große Ursache“ haben müsse. Die Theorien vermitteln ihnen das Gefühl, über geheimes Wissen zu verfügen, was wiederum ein Gefühl der Exklusivität auslöst (nur sie verfügen über das Wissen). So gesehen verwundert es nicht mehr so sehr, dass sich Jana aus Kassel mit der Widerstandskämpferin Scholl vergleicht, die von den Nazis hingerichtet wurde. Dieses zugrundeliegende Muster ist übrigens nicht nur beim Coronavirus, sondern hinter allen Verschwörungstheorien anzutreffen (z.B. bei den sog. Reichsbürger*innen).

Aber warum löst gerade das Coronavirus so viele Verschwörungstheorien aus? 

Der Psychologe Claus-Christian Carbon sagt dazu: Das liegt einerseits am Algorithmus der sozialen Medien, der dazu führt, dass Verbreiter der Theorien immer mehr davon zu sehen bekommen, bis sie in einer „Echokammer“ stecken. Andererseits zahle die Gesellschaft Lehrgeld für Entscheidungen und Vorgaben, die nicht gut durchdacht und geplant waren: „Zum Beispiel wurde wegen des Mangels an Masken die Erzählung verbreitet, diese seien unwirksam“ – und jetzt plötzlich ist das Tragen von Masken Pflicht. Auch seien die meisten Staaten nicht auf eine Pandemie vorbereitet gewesen, obwohl man wissen musste, dass irgendwann wieder eine entsteht.

Wie verhält man sich gegenüber Verschwörungstheorien?

Wenn jemand schon sehr tief in den Theorien drin steckt, sollte man nicht mehr über Fakten diskutieren oder versuchen, diese objektiv zu widerlegen. Es ist eher kontraproduktiv, den Kontakt abzubrechen oder die Theorieanhänger abzuwerten. Man sollte zwar seine Position klar machen, sich allerdings moralisch nicht überlegen fühlen. Wie du nun weißt, steckt hinter diesen Theorien eine große Unsicherheit und der Wunsch nach Einzigartigkeit und Zugehörigkeit. Vielmehr bietet es sich also an, nach den zugrundeliegenden Befürchtungen und Ängsten zu fragen, um wieder eine emotionale Verbindung herzustellen. 

3. Wie lässt sich die Angst und Unsicherheit reduzieren?

Wie du vielleicht schon bemerkt hast, ist die Unsicherheit und Angst nicht nur negativ, sondern hat eine überlebenswichtige Funktion für uns – sie warnt und schützt uns vor Gefahren. Auch in der aktuellen Epidemie-Phase ist die Angst also ein sehr wichtiger Faktor: Sie schützt uns und Andere vor potentiellen Ansteckungen, indem sie uns vorsichtiger und umsichtiger werden lässt. Ein gesundes Maß an Angst ist also sehr nützlich und keineswegs kontraproduktiv. Die Angst sollte aber nicht in Panik übergleiten, denn dann sind reflektierte, vernünftige Entscheidungen weniger wahrscheinlich (hallo Verschwörungstheorien). 

Das wichtigste Mittel gegen übermäßige Angst oder sogar Panik ist ganz simpel: umfassende und sachliche Informationen. Dieses „Methode“ wird übrigens auch immer in einer Psychotherapie verwendet und nennt sich „Psychoedukation“ – der Patient wird also mithilfe der Therapeutin/des Therapeuten zum Experten seiner Krankheit. Ganz ähnlich funktioniert es auch mit SARS-CoV-2 – informiert man sich gründlich über die Ursachen, Risiken, Präventionsmaßnahmen aber auch Mythen, kann man die realistischen Folgen für sich besser einschätzen. Durch sachliche Informationen über eine potentielle Bedrohung wird das Gefühl der Ungewissheit und empfundenen Hilflosigkeit minimiert und man hat eher das Gefühl, die Bedrohung unter Kontrolle zu haben.

4. Psychoedukation Coronavirus

Sehr gute Informationen zu den Ursachen, Verbreitung und zu Schutzmaßnahmen bezüglich des Virus gibt es auf der Website des Robert-Koch-Instituts sowie auf der Seite der Medizinischen Fakultät/Universität Magdeburg.

Die Universität Magdeburg liefert (Stand: 21.03.2020) folgende Informationen zum Coronavirus:

Worum handelt es sich bei dem Coronavirus?

Coronaviren sind schon länger bekannt. Sie können sowohl Tiere als auch Menschen infizieren.  Das aktuelle Virus, welches zur Untergruppe der  Beta-Coronaviren gehört,  ist allerdings eine neue Variante, die bisher so noch nie in Erscheinung getreten war. Auf Grund seiner Verwandtschaft mit dem SARS-Coronavirus, wird es als SARS-Coronavirus 2 bezeichnet. Die durch das Virus ausgelöste Erkrankung wird international als „Coronavirus Disease 2019“ (COVID-2019) bezeichnet. 

Wie gefährlich ist der neue Erreger?

Die tatsächliche Gefährlichkeit ist zurzeit noch schwer abzuschätzen. Eine Übertragung von Mensch-zu-Mensch ist bewiesen. Es scheint Verläufe mit unterschiedlichem Schweregrad zu geben. Die meisten Infektionen nehmen einen leichten Verlauf, schwere Fälle kommen jedoch auch vor. Wir gehen nach den vorliegenden Daten davon aus, dass die Infektion in der Regel schwerwiegender verläuft als eine gewöhnliche Grippe.

Woher kommt das Coronavirus?

Noch ist das etwas unklar. Es scheint so zu sein, dass das Virus zunächst bei Personen aufgetreten ist, die im Fischmarkt in Wuhan tätig waren oder sich dort als Besucher aufgehalten haben. Da auch Wildtiere auf dem Markt verkauft wurden, glaubt man, dass dort eine Übertragung erfolgt ist. Immer da, wo Mensch und Tier eng zusammen sind, besteht das Risiko, dass ein Erreger vom Tier auf den Menschen übergeht. Von dort hat sich das Virus zuerst innerhalb von China und inzwischen auch außerhalb von China ausgebreitet.

Verwandte Viren sind schon seit langem bei Tieren, insbesondere Fledermäusen bekannt. Gerüchte, dass es sich bei dem neuen Coronavirus um ein in einem Labor genetisch verändertes Virus handelt, konnten durch den Genomvergleich mit früheren Virusisolaten ausgeräumt werden.

Wie ansteckend ist das Coronavirus?

Das Virus wird ähnlich wie die Grippe als Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragen. Vor allem Händekontakt, Anhusten, Sekrete oder Schnupfen können die Viren übertragen. Es gibt Belege dafür, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch stattgefunden hat, wobei die Überträger z. T. keine Beschwerden aufwiesen. Eine Infektion über Oberflächen, die nicht zur direkten Umgebung eines symptomatischen Patienten gehören, wie z. B. importierte Waren, Postsendungen oder Gepäck, ist unwahrscheinlich.

Wie lange ist die Inkubationszeit?

Die Inkubationszeit ist die Zeit von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen. Bei SARS-Coronavirus 2 beträgt diese maximal 14 Tage. Das heißt: Ist die letzte Reise in ein Risikogebiete, z.B. China, oder der Kontakt zu einer an COVID-2019 erkrankten Person mehr als 14 Tage her und sind bis dahin keine Symptome aufgetreten, ist eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus unwahrscheinlich.

Wie kann man sich schützen?

Es gibt bisher kein Medikament, das dieses Virus gezielt abtötet. Man behandelt die Symptome. Wenn eine Lungenentzündung auftritt, die so schwer verläuft, dass der Patient selbst nicht mehr atmen kann, wäre eine künstliche Beatmung oder Sauerstoffgabe die Therapie der Wahl. Der Impfstoff von BioNTech ist nun auch für Deutschland zugelassen und die ersten Impfungen sind bereits durchgeführt worden. Ein umfassendes FAQ zur Impfung findest du auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums.

Auf Reisen in Risikogebiete sollte man verzichten. Wie auch bei Grippe sollte die Husten- und Nießetikette eingehalten werden, d.h. man hustet und nießt in ein Taschentuch, das man sofort entsorgt oder in die Armbeuge. Auch häufiges Händewaschen ist sehr wichtig. Weiterhin ist das Einhalten eines Mindestabstandes (ca. 1 Meter) von krankheitsverdächtigen Personen empfehlenswert. Das sind Verhaltensweisen, die man auch zum Schutz vor Erkältung oder der Grippe anwenden sollte.

Wenn du das Gefühl hast, dass du grippeähnliche Symptome aufweist, bleib unbedingt zu Hause und ruf zur Abklärung des weiteren Vorgehens deinen Hausarzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst an: 116117.

Literatur & Podcasts zum Coronavirus

Eine interessante chinesische Studie zum Thema „Angst und Diskriminierung“ während der Corona-Epidemie findest du hier. Eine in „The Lancet“ veröffentlichte Studie appelliert an  psychologische Interventionen bei Covid-19-Betroffenen – ebenfalls sehr lesenswert. 

Gute Datenbanken zur weiteren Literaturrecherche bezüglich des Coronavirus sind u.a.:

Eine Podcastempfehlung ist „Corona-Update“ von dem Virologen Christian Drosten auf Spotify. Einfach zu verstehen, wissenschaftlich fundiert und sehr interessant!

Psychologische Hilfe während der Corona-Krise

Die Corona-Krise  bringt auch zahlreiche soziale und psychische Probleme mit sich. Ob Arbeitslosigkeit, soziale Isolation durch den zweiten Lockdown oder häusliche Gewalt – psychologische Hilfe ist momentan umso wichtiger. Hier einige seriöse und wissenschaftlich zertifizierte Angebote:

  • Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) hat eine umfassende Website rund um das Thema „Psychische Versorgung während Corona“ eingerichtet. 
  • Das Corona-Training von HelloBetter bietet zahlreiche kostenlose Tools gegen die Einsamkeit. Außerdem kannst du mit ausgebildeten Psycholog*innen chatten. 
  • Bei Instahelp bekommst du eine/-n persönliche Online-Psychologin/Psychologen und kannst über Chat oder Videotelefonie eine umfassende Beratung in Anspruch nehmen. Die Psycholog*innen sind speziell ausgebildet; die Beratung ist allerdings kostenpflichtig.
... und was kommt nach der Pandemie?
Der italienische Psychologe Gianluca Castelnuovo sagt dazu Folgendes:
„Aus psychologischer Sicht wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die zweite Jahreshälfte wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer.“

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